Dein Pferd verstehen lernen – über Perfektion, Zuhören und echte Beziehung
In ein paar Wochen wird mein Pferd 30 Jahre alt – und so langsam habe ich verstanden, dass es all die Jahre darum ging, mein Pferd verstehen zu lernen. Wenn ich ehrlich bin, habe nicht ich ihn die ganzen Jahre ausgebildet – sondern er mich.
Auf unsere gemeinsame Zeit zurückblickend, wird mir vor allem eines klar: Ich habe gelernt, ihm wirklich zuzuhören. Und meinen Perfektionismus loszulassen.
Am Anfang war meine Pferde-Reise ziemlich intuitiv. Ich war nie besonders ambitioniert im Dressurreiten und schon gar keine klassische Turnierreiterin. Ich habe viel nach Gefühl gemacht, ohne großes theoretisches Wissen und ohne mir viele Gedanken über gesundheitliche Themen zu machen. Das waren unbeschwerte Zeiten – mit meinem Pflegepony und später mit meinem ersten eigenen Pferd.
Vom Drang alles richtig zu machen zum echten Miteinander
Doch mit der Zeit wurden die Stimmen von außen lauter. Meinungen, Methoden, Verbesserungsvorschläge. Und plötzlich hatte ich das Gefühl, ich müsste mehr tun. Er müsste bewegt werden, korrekt gymnastiziert, erzogen werden. Ich dachte, ich müsste ihm beibringen, wie alles zu funktionieren hat. Dass er seine Lustlosigkeit überwinden sollte. Dass er sich auf das einlassen müsste, was ich mir vorgenommen hatte. Einfach, weil man es eben so macht. Ich kaufte Bücher, eignete mir Wissen an und fuhr immer mit einem Plan in den Stall.
Nur hatte Destino auf meine Pläne so gut wie nie Lust. Und das konnte ziemlich frustrierend sein. Ich würde gerne sagen, dass ich irgendwann einen Schalter umgelegt habe. Dass ich plötzlich erkannt habe, dass ich zwar alles richtig machen will – ihn dabei aber gar nicht wirklich sehe. Aber so war es nicht. Es war ein langer und teilweise schmerzhafter Prozess.
Wenn das Pferd deutlich spricht und ich endlich zuhöre
Ein Moment ist mir im Nachhinein besonders klar geworden. Wir waren von einem Offenstall in einen Boxenstall umgezogen. Etwa ein halbes Jahr später bekam Destino immer wieder leichte Koliken. Sie waren gut behandelbar, kamen aber regelmäßig zurück. Es wurde vieles untersucht, sogar ein Klinikaufenthalt – ohne eindeutiges Ergebnis.
Bis die Stallbesitzerin eines Tages zu mir sagte: „Kann es sein, dass er einfach nicht gerne in der Box steht? Mir ist aufgefallen, dass die Koliken oft abends beginnen – kurz nachdem du ihn reingestellt hast.“ Wir haben es einfach ausprobiert und ihn noch am selben Tag zurück in einen Offenstall gestellt. Seitdem: keine Koliken mehr. Ich selbst wäre damals nicht darauf gekommen. Aber ich war offen genug, zuzuhören. Und genau das hat etwas verändert.
Es sind die kleinen Momente
Heute kann ich sagen: Ich übe jeden Tag, zuzuhören. Das Verstehen ist dann nochmal ein eigenes Kapitel. Im Alltag funktioniert das inzwischen ziemlich gut. Destino ist sehr klar in seinem Ausdruck und ich bemühe mich, seine Bedürfnisse so gut es geht zu berücksichtigen. Und das Schöne ist: Es ist keine Einbahnstraße. Ich spüre deutlich, dass er mir entgegenkommt, weil er merkt, dass ich es ernst meine.
Natürlich gibt es Situationen, in denen es nicht nur um „Lust oder keine Lust“ geht. Hufschmied, begrenzte Weidezeit oder einfach notwendige Bewegung – Dinge, die sein müssen. Aber selbst da ist er heute kooperativ. Es ist ein echtes Geben und Nehmen geworden.
Oft zeigt sich dieses Zuhören in ganz kleinen Momenten. Wenn ich mit ihm spazieren gehen möchte und eine Richtung im Kopf habe – und er bleibt stehen und möchte woanders hin. Früher hätte ich mich wahrscheinlich durchgesetzt. Heute gehe ich mit ihm. Oder wenn ich ihn von der Weide holen will, aber er mir deutlich zeigt, dass es noch zu früh ist. Früher hätte ich darauf bestanden. Heute lasse ich ihn noch. Es sind genau diese kleinen Situationen, in denen sich entscheidet, ob ich wirklich zuhöre – oder einfach nur meinen Plan durchziehe.
Und darin liegt für mich heute der größte Unterschied zu früher: Es geht nicht mehr darum, etwas durchzusetzen oder alles richtig zu machen. Sondern darum, wirklich in Beziehung mit deinem Pferd zu sein. Zuhören bedeutet für mich nicht, alles sofort zu verstehen oder perfekt zu handeln. Sondern bereit zu sein, hinzuschauen, wahrzunehmen – und immer wieder neu zu lernen.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Verbindung: nicht alles richtig zu machen, sondern einander wirklich zuzuhören.
